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"Zuerst zahlen dann behandeln": "Bedside-Schuldenmanagement" als neuester Zweig der US-Gesundheitswirtschaft

Artikel 2120 Natürlich wird so etwas in deutschen Krankenhäusern oder Arztpraxen nie passieren, doch auch in den USA gehört die offene oder "under cover"-Präsenz von Schuldeneintreiberfirmen in Notaufnahmestationen von Krankenhäusern und das von ihnen betriebene Inkasso von Honoraren vor (!) Beginn der Behandlung auch noch nicht lange zum Instrumentarium der Krankenhaus-Ökonomie.

Angestoßen durch Dokumente, die die Generalstaatsanwältin ("attorney general") des Bundesstaates Minnesota anlässlich der Erhebung einer Anklage gegen eine der größten Firmen dieser Branche, zu deren Praktiken veröffentlicht hat, berichtet die "New York Times" am 25. April 2012 ausführlich über die neueste Ausgeburt des anhaltenden Fehlens eines sozialen Versicherungs- und Versorgungssystems. Die Firma "Accretive Health", eines der us-weit größten und am dynamischsten wachsende Inkassounternehmen für nicht bezahlte Rechnungen für medizinisch-ärztliche Leistungen, wird beschuldigt "having placed its employees in emergency rooms and other departments at two hospitals and demanding that patients pay before receiving treatment."

Die erwähnten Dokumente zeigen, dass die Inkassounternehmen fast vor keiner erlaubten und unerlaubten Methode zurück schrecken, das Geld für Behandlungen vor deren Beginn einzutreiben. So treten sie oft nicht als Inkasso-Beschäftigter auf, sondern sind so in das Krankenhausgeschehen "eingebettet", dass sie zunächst als Krankenhausbeschäftigte wahrgenommen werden. In zahlreichen Fällen erhielten sie auch illegal Zugang zu Unterlagen über die Diagnosen und Behandlungen von Patienten. Jedenfalls enthielt ein verlorener und wieder gefundener Laptop eines SChuldeneintreibers der Firma derartige Daten von 23.500 PatientInnen aus Minnesota in unverschlüsselter Form.
Die Namen von PatientInnen, die bereits einmal eine Rechnung nicht bezahlt hatten wurden auf so genannten "stop lists" erfasst, was ihnen selbst den Zugang zu lebensrettenden Maßnahmen ohne vorherige Bezahlung erschwerte. Obwohl die jetzt angeklagte Firma dies lang als "Geschwätz" abtat, belegen die veröffentlichten Dokumente diese Praxis eindeutig. Beschäftigte des Inkassounternehmens ermunterten Beschäftigte in Notfallambulanzen dazu, ankommende Patienten zuerst um eine Kreditkartenzahlung zu bitten oder machten dies selber. Wenn dies nicht klappte, wurde den Pflegekräften etc. zu folgendem Satz geraten: "If you have your checkbook in your car I will be happy to wait for you" - was man auch als Versuch der Verweigerung von Hilfeleistungen oder Nötigung verstehen kann. Als eine Krankenhausgruppe im Bundesstaat Minnesota, die Fairview Health Services, im März ankündigte, ihren Inkasso-Vertrag mit Accretive Health zu kündigen, startete das Schuldeneintreiberunternehmen eine "Informationskampagne" zu dieser Entwicklung bei den Investoren der Krankenhausgruppe. Der Kurswert der Krankenhausgruppe sank daraufhin beträchtlich.

Um nicht missverstanden zu werden: Die unbezahlten Versorgungsleistungen der mehr als 5.000 örtlichen Krankenhäuser sind ein ernstes Problem für sie und beliefen sich 2010 auf 39,2 Milliarden US-Dollar, was einer Steigerung um 16% gegenüber 2007 bedeutete. Zu den Hauptgründen zählen die unbezahlten Behandlungsrechnungen und die kostenlose Behandlung von nicht- oder unterversicherten PatientInnen in den Notfallambulanzen der Krankenhäuser und damit der politisch verursachte mangelnde Krankenversicherungsschutz von 40 bis 50 Millionen US-BürgerInnen.
Dass dies für einige Unternehmen sogar lukrativ sein kann, zeigt die Gewinnentwicklung der Firma Accretive. 2011 berichtete sie von 29,2 Millionen US-Dollar Gewinn, was eine Steigerung um 130% gegenüber dem Vorjahr bedeutete. Ob dies so weiter geht und sich diese "Geschäftsidee" weiter verbreitet, entscheidet letztlich die Wahl des US-Präsidenten im November 2012.

Der "New York Times"-Artikel "Debt Collector is faulted for tough tactics in hospitals" vom 24. April 2012 ist kostenlos erhältlich.

Die 36-seitige Klageschrift "State of Minnesota versus Accretive Health Inc." vom 19. Januar 2012, u.a. wegen schwerer Verstöße gegen das "Health Insurance Portability and Accountability Act (Hippaa)" von 1996 ist ebenfalls frei zugänglich. Dieses Gesetz verbietet es z.B. , dass Schuldeneintreiber Einblick in die Krankenakte des Patienten oder potenziellen Schuldners haben.

Eine Zusammenfassung liefert die Presseerklärung "ATTORNEY GENERAL SWANSON SUES ACCRETIVE HEALTH FOR PATIENT PRIVACY VIOLATIONS. Debt Collector Lost Laptop Containing Sensitive Data on 23,500 Minnesota Patients der Generalstaatsanwältin.

Über die Website der Anklägerin erhält man außerdem freien Zugang zu der sechsbändigen Dokumentensammlung "Compliance Review of Fairview Health Services' Management Contracts with Accretive Health, Inc.".

Bernard Braun, 26.4.12