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Bürokratie-Nebeneffekte: In vielen Patientenakten fehlen wichtige Informationen

Artikel 0443 Der im "Wettbewerbsmodernisierunggesetz" in Aussicht gestellte Bürokratieabbau in Arztpraxen kommt nach Aussagen aus dem Gesundheitsministerium gut voran. In den vergangenen Monaten sei vielerorts überflüssiger Verwaltungsaufwand eingedämmt worden, sagte Gesundheitsstaatssekretärin Marion Caspers-Merk (SPD) nach einem Treffen mit der Arbeitsgruppe Bürokratieabbau. Erst vor kurzem hatte die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe den bürokratischen Aufwand in der ambulanten Versorgung samt den dadurch entstehenden Kosten quantifizieren lassen und in Westfalen-Lippe so genannte Bürokratiekosten von 160 Millionen Euro ermittelt, bundesweit betragen diese Kosten rund 1,6 Milliarden Euro. (vgl. Informationspflichten von niedergelassenen Ärzten und "Bürokratiekosten" in dieser Rubrik).

Dass die bisherige "Regelungswut" der Gesundheitspolitik Ärzten nicht nur mit lästige, unliebsame und oftmals sinnlose Dokumentationspflichten aufhalst, sondern im Gefolge dieser zeitlichen Belastung wohl auch dazu verführt, für den Therapieerfolg von Patienten tatsächlich wichtige Dokumentationen nur unvollständig oder halbherzig anzufertigen, hat jetzt eine Studie gezeigt, die im Deutschen Ärzteblatt (Deutsches Ärzteblatt 103, Seite A-1691 / B-1444 / C-1396) veröffentlicht wurde: Vollständigkeit und Qualität der ärztlichen Dokumentation in Krankenakten. Die Autoren hatten aus den von der Norddeutschen Schlichtungsstelle zu Verfahren beigezogenen Krankenunterlagen stichprobenartig 186 Krankenakten operativer (Op) und 131 nichtoperativer Fächer (NOp) untersucht, da "die patientenbezogenen Aufzeichnungen von Ärzten und Pflegekräften werden allgemein für wichtig gehalten und breit genutzt" werden. Als Ergebnis zeigte sich jedoch, dass ein großer Teil der Patientenunterlagen Lücken und unvollständige Informationen aufwies. Zitat aus der Studie:

• Anamnese und körperliche Untersuchung waren nur in je 69 Prozent dokumentiert und frei von Mängeln.
• Die ärztlichen Verlaufsnotizen entsprachen lediglich in 49 Prozent, die pflegerischen dagegen in 85 Prozent der Fälle den Anforderungen.
• Die Arztbriefe wurden in 70 Prozent und die Sofortinformation für die Weiterbehandelnden in 79 Prozent der Fälle als einwandfrei bewertet.
• 29 Prozent der Arztbriefe wurden später als 14 Tage nach Entlassung des Patienten versandt.
• Die Praxisfälle wiesen bei Anamnese und Untersuchung mehr Mängel auf als die stationären Krankenhausfälle.
• Einzelfallbezogen waren nur 27 Prozent dieser 317 Krankenakten in allen erforderlichen Dokumentationsteilen vollständig und qualitativ einwandfrei.

Nach Ansicht der Verfasser beruhen die festgestellten Defizite nicht auf Nachlässigkeit und persönlichen Mängeln, vielmehr dürften Zeitdruck und Überforderung bestimmende Merkmale sein. Bürokratieabbau in Arztpraxen wäre daher eine Forderung, die auch Patienten zugute kommt, insofern als damit Ärzten mehr Zeit bliebe, tatsächlich wichtige Informationen über Therapieverläufe und Diagnosen zu verfassen.
Wer kein niedergelassener Arzt ist und im Übrigen einmal einen Eindruck bekommen möchte von der Formular-Ausuferung in Arztpraxen, bekommt hier einen sehr plastischen Eindruck: Aktion "Rettet den Hausarzt" - Bürokratie

Der Artikel im Ärzteblatt ist hier zu finden: Vollständigkeit und Qualität der ärztlichen Dokumentation in Krankenakten: Untersuchung zu Krankenunterlagen aus Chirurgie, Orthopädie, Innerer Medizin und Neurologie

Gerd Marstedt, 2.1.2007