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Aus dem Grenzgebiet des Erforschbaren: Zur Existenz und Art von Machtausübung durch Sprache in Arzt-Patientkontakten

Artikel 1102 Untersuchungen des tatsächlichen Inhalts von Gesprächen zwischen Patienten und Ärzten sind methodisch äußerst schwierig durchzuführen und bergen eine Fülle von Verzerrungsmöglichkeiten in sich. Handelt es sich darum "echte" Behandlungszimmergespräche aufzuzeichnen und sie anschließend zu analysieren, muss man beide Beteiligten über diese Aufzeichnung und das Ziel der Untersuchung informieren. Dies führt auf beiden Seiten zu einer Fülle von so genannten Interaktionseffekten. Dies meint, dass der Arzt sich natürlich besonders bemüht, "gut" und zwar bezogen auf das Untersuchungsziel (z. B. Aufklärungsverhalten des Arztes) zu sein.

Aber auch der Patient könnte sich angeregt fühlen als "guter" und "sozial erwünschter" (z. B. nachfragender und wenig "weinerlicher Patient) Partner dazustehen. Aus solchem Interaktionsverhalten könnten aber dadurch sogar gesundheitliche Nachteile für den Patienten entstehen, wenn er sich wegen der Dokumentation nicht traut, eine ihm peinliche, aber unter Umständen gefährliche Störung zu schildern. Bei der Auswahl von Patienten und dazu noch ihren Ärzten könnte es sich also um eine extreme Positivauswahl handeln, deren Verhalten ein völlig unrepräsentatives und wirklichkeitsfremdes Bild vermittelt.

Auf diesem Hintergrund sind trotzdem stattfindende Untersuchungen des Inhalts und der Performance von Arzt-Patientengesprächen zunächst einmal mutig und verdienen hohe Aufmerksamkeit.

Dies gilt daher auch für die gerade veröffentlichten Ergebnisse einer an der Uni Bochum von Tim Peters erstellten Masterarbeit im Fach Linguistik. Ihre empirische Basis sind Mitschnitte von 100 in 52 Düsseldorfer Hausarztpraxen geführten Gesprächen zwischen Patienten und Ärzten. Einen Teil der gerade aufgelisteten methodischen Probleme versuchte Peters durch die Auswahl eines besonderen Designs zu vermeiden.

Als erstes hatten sich Ärzte einige Monate vor den Mitschnitten schriftlich bereit erklärt, solche Gespräche heimlich aufzeichnen zu lassen. Die danach bei ihnen auftauchenden PatientInnen waren aber keine "echten" Patienten, sondern Test-Patienten, die mit fingierten und standardisierten Behandlungsanlässen oder Krankheitsgeschichten in die Praxis kamen. Dabei waren die eine Hälfte der Patienten der eher ängstlich-drängende Kopfschmerzpatient und der andere ein eher neutral-akzeptierender Typ.

Das Untersuchungsziel war, ob Ärzte unter Zeitdruck zu sprachlichen Mitteln der Machtausübung greifen und dadurch versuchen, möglichst rasch ein Gesprächsende zu erreichen oder den Behandlungsaufwand gering zu halten.

Obwohl also diese Ärzte wussten, dass ihr Verhalten in einem begrenzten Zeitraum genau auf solche Eigenarten "getestet" würden, ließ sich in den meisten Konsultationen eine breite Palette von Machtmanifestationen finden.

Dazu gehörten gezielte Unterbrechungen des Redeflusses der Patienten oder sie nie ausreden zu lassen, die Reduktion des Gesprächs über den Gesundheitszustand auf ja/nein-Fragen, die Intonation, immer lauter werdende Nachfragen, wenn Patienten z. B. die vom Arzt präferierte Therapie (eine Spritze) ablehnte und die verstärkte Nutzung von unverständlichen Fachwörtern und Wirkstoffbezeichnungen. Damit versuchen die Ärzte ihre Fachkompetenz zu verdeutlichen und diese sowie z. B. die Therapieauswahl durch verbalen Druck durchzusetzen.

Die "heute oft geforderte kooperative Entscheidungsfindung", so eine Quintessenz von Peters, "findet oft nicht statt".

Ohne selbst einen moralisch-wertenden Begriff von "Macht" und Machtausübung in Arzt-Patientenkontakten zu vertreten, kommt der Bochumer Linguist zu der Schlussfolgerung "dass Sprache in institutionellen Situationen nicht nur ein Trägermedium für Informationen ist, sondern dass allein die Form der Sprache schon verschiedenste Einflusspotentiale enthält." Dies müsse in allen Überlegungen zur Verbesserung dieser Interaktionen beachtet werden, die häufig nur auf das "ob" von Information und Gespräch und weniger auf das "wie" schauen.

Auch wenn die Fallzahl der Studie nicht allzu groß ist und damit Einschränkungen der Aussagefähigkeit der gewonnenen Erkenntnisse existieren und wenn auch hier die Gefahr einer positiven Selbstselektion der Ärzte besteht, kommt sie weit über das Niveau einer so genannten "anecdotally evidence" hinaus und könnte den Umfang und die Art der Steuerung der Arzt-Patient-Interaktion durch "Macht" sogar unterzeichnen. Der frisch gebackene Linguistik-Master will seine Forschungsfrage innerhalb einer Dissertation weiter verfolgen.

Ob es allerdings jemals möglich sein wird, valide und reliable bzw. repräsentative Daten über die Arzt-Patientenkommunikation zu erheben, darf bezweifelt werden. Nicht zuletzt und paradoxerweise tragen dazu natürlich genau solche ersten Forschungsergebnisse bei, indem sie zum Anlass genommen werden könnten, den Zugang zu solchen Gesprächen und ihre Aufzeichnung zu verweigern. Im Übrigen wurde bereits in einer Untersuchung an der Universität Hamburg in den 1980er Jahren ermittelt, dass sich kooperationsbereite Ärzte, die völlig überzeugt waren, sich präventiv und kommunikativ vorbildlich zu verhalten, in Wahrheit gegenüber einfachen Patienten deutlich anders verhielten.

Das Konzept und die wichtigsten Aussagen der Masterarbeit finden sich für Nichtmitglieder der Uni Bochum nur in einer Presseerklärung der Universität Bochum, die am 9. Januar veröffentlicht wurde.

Bernard Braun, 17.1.2008