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Epidemiologie
Gesundheitsverhalten (Rauchen, Ernährung, Sport usw.)


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Wissenschaftler sind sich einig: Alkohol und Tabak sind schädlicher als Cannabis

Artikel 0641 Eine Veröffentlichung in der renommierten medizinischen Fachzeitschrift "The Lancet" hat jetzt gezeigt, dass eine große Zahl von Wissenschaftlern, darunter auch Mediziner und Spezialisten im Bereich Sucht, die Risiken und Gesundheitsgefahren der ganz legalen Drogen Tabak und Alkohol sehr viel höher einstufen als beispielsweise die in vielen Ländern illegale Droge Cannabis (Haschisch, Marihuana). In der Studie wurde der Versuch unternommen, endlich zu einer wissenschaftlich fundierten Bewertung der Schädlichkeit von Drogen und Betäubungsmitteln zu kommen und dabei mit Vorurteilen und irrationalen Einschätzungen aufzuräumen. Ausgangspunkt der Arbeit war die in Großbritannien in einem Gesetz ("Misuse of Drugs Act of 1971") festgelegte Klassifizierung von Betäubungsmitteln in drei Gruppen, wobei in der Gruppe A (überaus schädlich) beispielsweise Ecstasy, LSD und Heroin zu finden sind, in der unteren Gruppe C (weniger schädlich) Tranquilizer wie Valium und Librium, aber auch Cannabis. Tabak und Alkohol sind in der gesetzlichen Vorlage nicht erwähnt.

Die Wissenschaftler unternahmen zunächst den Versuch, ein neues Bewertungsschema für die Einstufung der "Schädlichkeit" von Drogen zu entwerfen. Dabei unterschieden sie drei theoretische Dimensionen:
• Das Risiko körperlicher Schäden und Erkrankungen: Dabei werden kurzfristige, aber auch langfristige Folgen berücksichtigt, wie sie beispielsweise für Tabak oder Alkohol durch viele Studien belegt sind. Eingeschlossen wird hier auch das Risiko psychischer Störungen.
• Das Risiko von Sucht und Abhängigkeit: Berücksichtigt werden in dieser Dimension sowohl die psychische als auch die körperliche Abhängigkeit.
• Soziale Gefahren: Hierbei werden Risiken eingeschlossen, die sich durch den Drogengebrauch auf soziale Kontakte und die Familie auswirken, aber auch finanzielle Belastungen, die sich für die gesundheitliche Versorgung und soziale Fürsorge Abhängiger ergeben.

In einem ersten Schritt ließen die Wissenschaftler dann 14 verschiedene Drogen, von Heroin und Kokain über Amphetamine und Barbiturate bis hin zu Tabak und Alkohol von 29 Medizinern bewerten. Alle Mediziner waren Spezialisten im Bereich "Sucht" und Mitglieder des "Royal College of Psychiatrists". Die Bewertung erfolgte für jede Droge innerhalb der drei neu entwickelten Dimensionen (körperliche Schäden, Abhängigkeit, soziale Risiken) mit einem Urteil 1, 2 oder 3 für die jeweilige Schädlichkeit.

Nachdem so sicher gestellt war, dass die Bewertungstabelle mit 3 Dimensionen und 3 Schädlichkeitsstufen überhaupt von medizinischen Wissenschaftlern als seriös und praxistauglich akzeptiert wird, folgte in einem zweiten Schritt eine noch fundiertere Bewertung von Drogen. Die Forscher führten dazu ein sog. "Delphi-Experiment" durch, eine Befragung von Experten, bei der in mehreren Stufen Einschätzungen zu wissenschaftlich ungeklärten Fragen durchgeführt werden. Die Teilnehmer bekommen dabei in jeder Stufe neue Informationen zur Fragestellung und können ihre vorherigen Aussagen aufgrund des neuen Informationsstandes korrigieren.

Konkret bedeutete dies, dass in einer Reihe von Gruppensitzungen mit jeweils 8-16 Experten, darunter Pharmakologen und Mediziner, Suchtexperten und Psychiater, insgesamt 20 verschiedene Drogen jeweils einzeln bewertet wurden. In allen Gruppensitzungen wurden neue Forschungsergebnisse zu den Drogen vorgestellt, die zugrunde liegenden Studien diskutiert und ein Meinungsbild erstellt. Abschließend gab dann, teilweise erst nach mehreren Sitzungen, jeder Teilnehmer eine Drogenbewertung innerhalb des neuen Bewertungsschemas ab.



Das Ergebnis war überraschend: Einige der im englischen Gesetz in der höchsten Schädlichkeitsklasse zu findenden Drogen (wie LSD und Ecstasy) wurden in der neuen wissenschaftlichen Bewertung eher in eine mittlere bis untere Risiko-Gruppe eingestuft. Und umgekehrt bekamen die im Gesetz überhaupt nicht berücksichtigten Drogen Alkohol und Tabak jetzt eine Einstufung im mittleren bis oberen Risikobereich. In der Skala der schädlichsten Drogen rangieren in der neuen wissenschaftlichen Bewertung Heroin, Kokain, Barbiturate an vorderster Stelle, dicht gefolgt von Alkohol, Amphetaminen und Tabak. Cannabis liegt erst auf Platz 11, LSD auf Platz 14 und Ecstasy auf Platz 18.

Für einzelnen Drogen gaben die Wissenschaftler unterschiedliche Einstufungen auf drei Risiko-Skalen an: Risiko körperlicher Schäden, Sucht- und Abhängigkeits-Gefahren, soziale Risiken. Dabei stellt der Wert 3 ein maximales Risiko dar, der Wert 0 keinerlei Risiko. Die Grafik verdeutlicht die Bewertungs-Ergebnisse.

Ein Abstract der Studie ist hier nachzulesen: Development of a rational scale to assess the harm of drugs of potential misuse (The Lancet, Volume 369, Issue 9566, 24 March 2007-30 March 2007, Pages 1047-1053)

Hier findet man den (kostenpflichtigen) Volltext der Studie

Gerd Marstedt, 23.3.2007