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Versorgungsforschung: Diabetes, Bluthochdruck


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Weniger ist mehr: Das Beispiel täglich-mehrfache Blutzuckermessung durch nicht insulinpflichtige DiabetespatientInnen.

Artikel 2639 Schon bevor es einigen IT-Unternehmen gelang, Millionen von Menschen zu vollkontinuierlich selbstvermessenden Anhängseln diverser Selbstoptimierungsgeräte zu machen, gab es bereits eine etwas kleinere und blutigere Variante, nämlich die engmaschige Bestimmung des Blutzuckers mit einer immer phantasievolleren Anzahl von Testgeräten und Teststreifen für an Diabetes erkrankte Menschen. In diesem Fall wurde das möglichst tägliche und mehrfache Messen des Blutzuckers in einer geringen Menge Blut als eine der wichtigsten Voraussetzungen für das bedarfsgerechte (Selbst-)Management mit Antidiabetika oder Insulin und für die Lebensqualität propagiert. Dass es sich dabei möglicherweise und zu einem nicht geringen Teil um einen Klassiker der Überversorgung mit Diagnostika handelte, wurde bereits des Öfteren vermutet oder eingewandt.

Eine gerade im Medizin-Fachjournal "JAMA Internal Medicine" online first veröffentlichte Studie mit 370.740 Personen, die laut ihrer Krankenversicherungsdaten an Diabetes Typ 2 erkrankt sind aber (noch) nicht mit Insulin behandelt wurden, hat dies nun nachdrücklich bestätigt.

Zu beachten ist, dass in der us-amerikanischen Ärzteschaft auf der Basis methodisch hochwertiger Studien (u.a. ein Cochran Review mit 12 randomisierten kontrollierten Studien) ein so genannter "choosing wisely"-Standard empfiehlt: "avoid routine multiple daily self-glucose monitoring in adults with stable type 2 diabetes on agents that do not cause hypoglycemia."

Die wesentlichen Ergebnisse lauten:

• In jedem Fall gilt: Personen, die sich mit Insulin behandeln müssen oder die Medikamente einnehmen, die zu einem zu niedrigen Blutzuckergehalt führen können und damit zu einem lebensbedrohlichen Zustand, müssen ihren Blutzuckerwert regelmäßig messen.
• 86.747 der StudienteilnehmerInnen erhielten über das gesamte Jahr 3 und mehr Verordnungen für Blutzucker-Teststreifen, was als Indikator für dauerhafte Messungen genommen wurde.
• Bei mehr als der Hälfte dieser Personen, nämlich 51.820 Personen (14% der gesamten Personengruppe), ist anzunehmen, dass sie gesundheitlich unangemessene Messungen durchführen: 32.773 nahmen nur Medikamente ein, die kein Risiko der Unterzuckerung in sich bergen (z.B. Metformin) und 19.047 wurde kein einziges Antidiabetikum verordnet. Für die Angehörigen dieser beiden Gruppen bedeutet dies, dass sie durchschnittlich zweimal pro Tag mit einem Teststreifen ihren Blutzuckerwert untersuchten, ihre Krankenversicherung dies durchschnittlich 325 US-Dollar pro Jahr kostete und sie selber im Schnitt jährlich rund 18 Dollar zuzahlen mussten. Die Kosten für die Instrumente mit denen der Bluttropfen gewonnen wird, sind hier nicht erfasst.

Zum Schluss ihres kurzen "Researchletter" weisen die AutorInnen daraufhin, dass die Entwicklung und der Einsatz von Tools möglich und zum Teil erprobt ist, die verordnende ÄrztInnen vor der unsinnigen Verordnung von Teststreifen aber auch anderer diagnostischer Verfahren (z.B. zur Bestimmung des Vitamin D-Levels) warnen und als fachliche Basis für die gemeinsame Entscheidungsfindung von PatientInnen und ÄrztInnen dienen können. Zusätzlich wird empfohlen, PatientInnen, die ihren "Wert" wissen wollen, als Alternative zu der täglich mehrfachen Messung einen einmaligen Test für die Blutzuckerentwicklung innerhalb von 2-3 Monaten (so genannter HBA1c-Wert/Test) anzubieten.

Von dem Reaearchletter Assessment of Self-monitoring of Blood Glucose in Individuals With Type 2 Diabetes Not Using Insulin von Kevin D. Platt, Amy N. Thompson, Paul Lin, Tanima Basu, Ariel Linden, A. Mark Fendrick, online erschienen am 10. Dezember 2018 in der Zeitschrift "JAMA Internal Medicine", gibt es das Abstract kostenlos.

Bernard Braun, 15.12.18