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Placebos: Etwa die Hälfte praktizierender Ärzte hat sie schon selbst verordnet und vertraut auf ihre Wirkung

Artikel 1100 In der evidenz-basierten Medizin werden Arzneimittel oder Behandlungsmethoden dann als nachweislich wirksam bewertet, wenn sie bessere Erfolge erzielen als ein Placebo, also ein nach naturwissenschaftlichen Annahmen unwirksames oder unspezifisch wirkendes Mittel wie zum Beispiel eine Kochsalzlösung. Ein Placebo zu verschreiben ist danach also eine eher untaugliche medizinische Vorgehensweise. Praktizierende Ärzte sind jedoch anderer Meinung, wie eine jetzt in der Zeitschrift "Journal of General Internal Medicine" veröffentlichte Studie gezeigt hat: 45 Prozent der befragten Ärzte haben schon selbst einmal einem Patienten ein Placebo verabreicht, 58 Prozent glauben, dass dies zumindest manchmal auch therapeutisch erfolgreich ist.

Der Placebo-Effekt ist in jüngster Zeit wieder häufiger ins Zentrum wissenschaftlicher Diskussionen gerückt, seit in einer Reihe klinischer Studien zur Wirksamkeit alternativer Heilmethoden (Akupunktur, Homöopathie) so nicht vorhergesehene Ergebnisse ans Tageslicht kamen. So zeigte sich etwa, dass eine nur scheinbar oder nicht nach den Regeln der chinesischen Heilkunst durchgeführte Akupunktur genau so wirksam war wie eine echte, sogenannte "Verum-Akupunktur" (vgl.: Heilungserfolge sind komplexer und verblüffender als angenommen - Das Beispiel der Akupunktur bei Rückenschmerzen). Auch brachten neuere Forschungsstudien Erkenntnisse zu Tage über jene neurologischen und physiologischen Mechanismen im menschlichen Gehirn, die durch Erwartungen und Hoffnungen von Patienten bei einer Therapie in Gang gesetzt werden. (vgl. Der Placebo-Effekt in der Medizin).

Dass praktizierende Ärzte eine andere Auffassung von Placebos haben als rigide Anhänger der evidenz-basierten Medizin haben jetzt Rachel Sherman und John Hickner gezeigt, zwei Forscher an der University of Chicago Pritzker School of Medicine, Chicago. Sie befragten insgesamt 231 Ärzte, die an mehreren Universitätskliniken mit Medizinerausbildung tätig sind, also besonders qualifizierte Mediziner über ihre persönliche Erfahrung mit Placebos und ihre Meinungen dazu. Die Ergebnisse waren einigermaßen überraschend.

• 45 Prozent hatten selbst schon bei der Therapie einmal einem Patienten ein Placebo verordnet oder verabreicht, etwa jeder zehnte sogar mehr als 10mal.
• 80% der Ärzte schätzten, dass dies auch bei ihren Kollegen der Fall ist, 20% nahmen sogar an, es sei oft der Fall.
• Die Gründe für dieses Verhalten waren sehr unterschiedlich, an der Spitze der Nennungen lagen folgende Angaben: Um einen Patienten emotional zu beruhigen, als ergänzende Therapie, um Patienten zufrieden zu stellen, die keiner Therapie bedürfen, gegen sehr unspezifische Beschwerden.
• Nur 12% waren der Meinung, dass die Verabreichung von Placebos generell untersagt werden sollte. 88% nannten jedoch Gründe, warum dies in bestimmten Fällen durchaus sinnvoll und auch moralisch legitim sei, darunter: Wenn es wissenschaftliche Befunde gibt, die die Wirksamkeit belegen oder wenn der Arzt einen therapeutischen Effekt erkennt.
• Hinsichtlich der Wirkungsweise von Placebos überwog die Auffassung (von 92% genannt), hier wären psychologische Mechanismen am Werk. 57% vermuten einen natürlichen Krankheitsverlauf, 50% nahmen an, es seien bislang unerklärte Mechanismen wirksam. Biochemische Abläufe wurden von nur 28% genannt.
• Im Hinblick auf Krankheiten oder Beschwerden, die besonders günstig oder ungünstig für einen Placobe-Effekt seien, meinten die Befragungsteilnehmer: Immunprobleme, Allergien und kardio-vaskuläre Erkrankungen seien eher ungünstig. Schmerzen, psychische Erkrankungen und sexuelle Probleme wurden auf der anderen Seite als eher günstige Voraussetzung genannt.
• Als Alternativen zum Placebo, die ebenfalls eher unspezifisch wirksam sind, wurden besonders häufig Yoga, Meditation und Entspannungstechniken genannt.
• Patienten wurden zumeist recht vage über das verabreichte Placebo informiert mit Hinweisen wie "Ein Mittel, das Ihnen helfen wird" oder "ein unspezifisch wirksames Medikament". Nur 4% gaben unverblümt an: "Dies ist ein Placebo":

In der Diskussion der Befunde geben die Wissenschaftler an, dass ihre Befunde weitgehend mit früheren Studien übereinstimmen. In den beiden zuletzt veröffentlichten Untersuchungen (2003 und 2004) war ebenfalls ein Quote von 50% Medizinern gefunden worden, die in ihrer Praxis schon Placebos verordnet hat und dies auch unter bestimmten Umständen für ethisch vertretbar hält.

Ein kostenloses Abstract der Studie ist hier zu finden: Rachel Sherman and John Hickner: Academic Physicians Use Placebos in Clinical Practice and Believe in the Mind-Body Connection (Journal of General Internal Medicine, Volume 23, Number 1 / Januar 2008, DOI 10.1007/s11606-007-0332-z)

Gerd Marstedt, 15.1.2008