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Warum sind Mythen so allgegenwärtig, zäh und bleiben haften und was man daran ändern kann? Antworten eines "Entlarvungs-Handbuchs"

Artikel 2077 Egal, ob es um grundsätzliche Zweifel am Klimawandel, um die eherne Gewissheit geht, dass die Masern-Mumps-Röteln-Impfung Autismus auslöst oder um die "Kostenexplosion" im Gesundheitswesen sowie den demografischen "Silver-Tsunami" (so die neueste Bezeichnung der Zunahme des Anteils der älteren Bevölkerung): Die Versuche, die Vertreter solcher Positionen in Wissenschaft, Politik und Gesellschaft mit immer wieder bestätigten oder erweiterten Fakten und Evidenz davon zu überzeugen, dass es sich dabei um eindeutig widerlegte und unsinnige Mythen handelt, scheitern oft über Jahre und Jahrzehnte.

Ihre Eigenart eines Stehaufmännchen liegt zum einen daran, dass Mythen kognitiv betrachtet nicht hundertprozentiger Unsinn oder gleichbedeutend mit einer falschen Geschichte (Kolakowski) sind. In Anlehnung an Roland Barthes kann man Mythen als Umwandlungen komplexer sozialer oder geschichtlicher Sachverhalte in einfachere scheinbar naturhafte Zustände charakterisieren, bei denen immer "einiges unter den Tisch" fällt (Obendiek).

Zum anderen gibt es aber eine Reihe menschlicher psychologischer und kommunikationeller Eigenschaften oder Eigenarten, die zusätzlich zu der enormen Persistenz der genannten und vieler anderer Mythen beitragen.

Das zuerst im November 2011 veröffentlichte so genannte "Debunking Handbook" (Entlarvungshandbuch) der australischen Psychologen Cook und Lewandowsky enthält eine kompakte Darstellung der Mechanismen, die dabei eine zentrale Rolle spielen und die eine ihrer zentralen Schlussfolgerungen stützen, "die Evidenz" lasse "vermuten, dass populäre Mythen Einfluss behalten werden - egal wie oft und energisch man diese Irrtümer korrigiert." (zitiert nach dem ausgezeichneten Artikel von Sebastian Herrmann (2012): Wie man Starrköpfe überzeugt. In: Süddeutscher Zeitung vom 1.2.2012 - ein Beitrag, der leider für Nichtabonnenten nicht frei zugänglich ist) Trotz dieser Evidenz halten die beiden Autoren es aber für möglich, Mythen und ihre Propagandisten zu irritieren und ihre Behauotungen zu erschüttern.

Zu den wichtigsten Gründen warum Mythen so erfolgreich und zäh sind, zählen Cook und Lewandowsky folgende:

• Psychologische Studien zeigen, dass einmal erhaltene Informationen auch durch noch so gut belegte andersartige Informationen automatisch aus dem Gedächtnis gelöscht werden. Nicht zuletzt ihre Wiederholung durch andere als die Erstinformanten erzeugt den Eindruck, an der ersten Information müsse "doch etwas dran sein".
• Die Annahme, Menschen hielten an einer falschen Meinung oder Vorstellung fest, weil sie noch nicht über genügend Informationen verfügten, ist daher falsch. Das Gegenteil ist sogar richtig. Je mehr man offen gegen einen Mythos als Mythos ankommuniziert, desto wahrscheinlicher kommt es zu einem so genannten "Familiarity Backfire Effect". Die Vertrautheit mit einem Mythos ergibt sich nach Meinung der von den Autoren zitierten Studien dadurch, dass in einer Mischung von Mythen und Pro- oder Contra-Fakten oft nach kurzer Zeit nur noch der Mythos präsent oder vertraut ist und die Fakten verblassen. Die Vertrautheit mit dem Mythos führt dazu, dass frontale Kritik an ihm Abwehr provoziert. Als Alternative schlagen die Handbuchverfasser daher vor, ohne Nennung des Mythos alternative Fakten zu präsentieren und auch davon nicht allzu viele.
• Der Hinweis auf die Risiken von zu viel Gegenargumenten beim Aufklären von Mythen spricht das Problem des so genannten "overkill backfire effect" an. Versucht man die meist einfach gestrickten Mythen komplex zu widerlegen, fühlen sich viele Menschen, die ja auch noch sehr viele weitere Dinge zu verarbeiten haben, überfordert und "schießen" mit dem Festhalten an der unaufwändigeren Version "zurück". Statt dem bereits erwähnten Informationsdefizitansatz zu folgen, schlagen die Handbuchverfasser das so genannte KISS-Prinzip vor: "Keep it simple, stupid!": "Eine simpel gestrickte Legende ist kognitiv attraktiver als deren komplexe Widerlegung."
• Auch zu viel Verständnis oder das mehr oder minder rhetorische Hineindenken oder -versetzen in die als Mythos bezeichnete Position, provoziert meist nicht eine Art Gegenverständnis oder die Bereitschaft "offen und ohne Voreinstellung miteinander zu reden", sondern das Gegenteil. Schon die unkritisierte Erwähnung des Mythos, so entsprechende empirische Experimente, bestärkt diejenigen, die seiner Existenz überzeugt sind, in ihrer Position. Die daraus abgeleitete Empfehlung, den Mythos nicht zu erwähnen, den man gerade zu widerlegen sucht, erscheint aber selbst Cook und Lewandowsky als kommunikationshemmend. Auch aus diesem Dilemma ergibt sich aber, dass die Kommunikation von verstehbaren und prägnant dargestellten Fakten von hoher Bedeutung ist. Als gelungenes Beispiel für ein Faktum, das evtl. den "Klimawandel-Mythos" erschüttert, nennen die Autoren das Argument, dass 99,9% der "Wissenschaftler", die als Unterzeichner einer Resolution den vom durch Menschen verursachten Klimawandel verneinen, keine Klimawissenschaftler, sondern Personen mit irgendeinem Bachelor- oder Masterabschluss, Lehrer oder Computerexperten sind.
• Ein letzter Fehler in der Kommunikation von Mythen und mit Mythenanhängern ist der so genannte Bestätigungsfehler. Je mehr Menschen eine Position beziehen und verinnerlichen, desto mehr glauben sie nur noch Argumenten, die ihre Ausgangsmeinung stützen und werden durch Gegenargumente oft nur noch darin bestärkt. Es kommt dann zum dritten "backfire effect", dem "worldview backfire effect". Als Mittel, auch hier noch aufklärerisch tätig sein zu können, empfehlen die Psychologen u.a., ein anderes "framing", d.h. das Vermeiden von Reizworten und Nutzen unverfänglicherer Begriffe. US-Republikaner dürfe man nicht mit den Begriffen "Klimawandel oder -steuer" überzeugen wollen, sondern müsse z.B. von Kohlendioxidausgleich reden. Ein wichtiger Hinweis ist der, dass das faktengestützte Entlarven eines Mythos Lücken im Geist derjenigen hinterlässt, die sich überzeugen lassen. Man dürfe es daher nicht beim Entlarven belassen, sondern müsse alternative Erklärungen für die sozialen oder natürlichen Phänomene anbieten.

Die Beschäftigung mit Mythen und ihrer Widerlegung oder Entlarvung ist nach Kenntnis der hier vorgestellten Erkenntnisse zwar noch einmal wesentlich anspruchsvoller, aufwändiger und langwieriger geworden, keinesfalls aber hoffnungsloser was mögliche Erfolge betrifft. Da Mythen erheblich durch das ständige Wiederholen im Alltag durch unterschiedlichste Personen und Institutionen am Leben erhalten bleiben, darf auch die Gegenaufklärung nicht aus noch so starken Einmalaktionen bestehen, sondern sollte das Gebetsmühlenhafte im Prinzip übernehmen. Ob man im Einzelfall allen Empfehlungen des Handbuchs folgt, kann jeder für sich entscheiden. Sie sollten aber als Anregungen verstanden werden, mehr als bisher über die dort geschilderten Barrieren und Blockademechanismen für eine rationale Gegenaufklärung zu verbreiteten Mythen und Irrtümern nachzudenken. Wichtig ist dabei, dass man den sozialen Nutznießern von Mythen wenigstens das Argument wegnimmt, es gäbe keine Fakten, die gegen diese Mythen sprächen. Dies ist deshalb wichtig, weil damit die Protagonisten von Mythen ihre Positionen verstärkt durch ihre Interessen begründen müssen und sich nicht mehr hinter naturhaften Abläufen oder angeblich politikfreien Sachzwängen verstecken können.

Wer mehr dazu lesen will, kann das neun Seiten umfassende und zum Teil anschaulich illustrierte "The Debunking Handbook. von Cook, J. und Lewandowsky, S. in der aktuellsten zweiten Version vom 23. Januar 2012 kostenlos herunterladen. Wer auf die Website "Sceptical Science" geht, findet dort für die "Backfire-Thesen" zahlreiche Kommentare und weitere Links von Lesern des Handbuches.

Bernard Braun, 6.2.12